Der Löffeltrunk

Die Geschichte des Löffeltrunks

Wie alles begann...

Kaufleute aus Augsburg und Nürnberg machten auf der Geleitsstraße zur Messe nach Frankfurt ihren letzten Halt in Seligenstadt am Main. 
 
In den Gasthäusern der Stadt pflegten sie einen alten Hänselbrauch, den Trunk aus dem übergroßen „Steyffen Löffel“. Der Trinkende wurde in die Kompagnie der Messefahrer nach Frankfurt aufgenommen und durfte sich in einem Protokollbuch verewigen.
 
Während im Lauf der Zeit der ursprüngliche Sinn der Aufnahmezeremonie vergessen ging, entwickelten sich Löffeltrunk und Gästebücher zur originellen Tradition Seligenstadts.
 
Mit rund 13.000 Autographen von Reisenden aus ganz Europa seit dem Ende des 
17. Jahrhunderts stellen die Gästebücher einen einzigartigen historischen Schatz dar.

Gasthäuser des historischen Löffeltrunks

Trinklöffel und Löffelbücher gab es nur in ausgewählten Gaststätten.
Dazu zählen auch noch heute die folgenden Lokale: 

Frankfurter Hof

Am Marktplatz gelegen, hieß der Frankfurter Hof ehemals "Zum Wolfen"

Gasthof zum Riesen

Fast nebenan, ebenfalls am Marktplatz gelegen im Gasthof "Zum Riesen"

Zu den Drei Kronen

Auf dem Freihofplatz im ehemaligen Gasthaus "Zum Ochsen"

Die Löffel

Der Löffel hat sich mit Standort und natürlich auch mit den Jahren immer wieder entwickelt.
Hier sehen Sie die bekanntesten Löffel der damaligen Zeit.

Löffel des Wolffen

Der Kasseler Löffel, auch Löffel aus dem Wolffen, dessen Original in Kassel im Museum hängt.

Augsburger Löffel

Der Augsburger Löffel, der im Jahr 2005 aus Privatbesitz der Familie Rettinger/Volkmann aus Bayreuth angekauft werden konnte und im Regio-Museum ausgestellt wird.

Nürnberger Löffel

Dieser Löffel ist im Archiv des historischen Museums in Frankfurt, zusammen mit dem zugehörigen Gästebuch, welches noch gesichtet werden sollte.

Willkommenslöffel

Der Willkommlöffel oder auch der Wiener Löffel, der über viele Wege, über Berlin und Wien und dann über Göring im Jahr 1939 nach Seligenstadt zurück fand

Die Geschichte der Löffel

Die Löffel zu beschreiben, ist sehr umfangreich. Dr. Josef Schopp hat in seinem Büchlein „Das Seligenstädter Geleitswesen“ diese sehr ausführlich dargestellt. 

Außer bei dem  Willkommlöffel beträgt das Fassungsvermögen einen Liter.  Bei den beiden etwas älteren Löffeln, dem Willkommlöffel und dem Kasseler Löffel wurde Lindenholz verwendet und der Augsburger- und der Nürnberger Löffel sind aus Nussbaumholz. Sie sind, auch mit Kette, immer aus einem Stück geschnitzt. Die Blattornamentik, die teilweise reliefartig herausgearbeiteten Symbole, Wappen und die elegant schwungvollen Elemente sind der kunstvolle Ausdruck des Früh- bis Hochbarocks. Wir finden auf den von den Augsburger- und Nürnberger Kaufleuten in Auftrag gegebenen Löffeln besondere Merkmale ihrer Herkunft. Ganz auffällig, ein Prachtstück barocken Kunsthandwerks und unverwechselbar ist der Nürnberger Löffel mit dem Nürnberger Reichsadler.

Adolphus Meyer, der Wirt des Wolffen (heute Frankfurter Hof), ließ schon in den 1660-er Jahren in Frankfurt einen Löffel anfertigen. Adolphus Meyer, Wirt des „Wolffen“ in der Zeit nach dem 30-jährigen Krieg, war derjenige, der als Erfinder des Löffeltrunks zu nennen ist. Er war es, der sich schon damals Gedanken machte, mit welcher „Marketingstrategie“ er mehr und zahlungskräftigere Gäste in sein Haus locken konnte. Er ließ in Frankfurt in den 1660er Jahren einen kunstvoll verzierten Löffel schnitzen, dessen Fassungsvermögen, wie wir alle wissen, einen Liter Wein aufnehmen sollte. Dieser  Löffel vom Wollfen wurde schon Ende des 17.Jahrhunderts vom Erbprinz Wilhelm von Hessen-Kassel und Graf von Hanau erworben. Man kennt den Grafen auch unter dem Namen; „Wilhelm, der schönste Mann seiner Zeit“. Dieser war ein kunstsinniger und den schönen Dingen des Lebens zugewandter Mensch. So baute er beispielsweise das wunderbare Schloss Wilhelmsbad und gründete die Zeichenakademie, ein heute noch renommiertes Ausbildungsinstitut für Goldschmiede, Graveure und andere Künstler. Er entdeckte im nahen Seligenstadt diesen wunderbaren Löffel und wollte ihn unbedingt haben.  Der Löffel liegt heute in den staatlichen Museen in Kassel. Wir bezeichnen ihn auch als Kasseler Löffel.  Eine Kopie gehört der Familie Stenger vom Frankfurter Hof.

Die Augsburger Kaufleute wechselten späterhin in das Gasthaus zum Ochsen. Der Wirt dort ließ etwa um das Jahr 1690 einen Löffel anfertigen, den wir heute als Augsburger Löffel kennen. Die Augsburger wechselten später, etwa zur Mitte des 18.Jahrhunderts, zusammen mit ihrem Löffel in das Gasthaus zu den drei Kronen. Das Original wurde auf Initiative engagierter Seligenstädter, zusammen mit den zugehörigen Löffelbüchern, vor etwa 20 Jahren von den Erben der Besitzer der 3 Kronen erworben und aus Bayreuth hier nach Seligenstadt zurück überführt. Den Löffel und die Bücher kann man im RegioMuseum besichtigen. Von diesem Löffel gibt es hervorragende Kopien.

Die Nürnberger Kaufleute wechselten damals in das Gasthaus zum Riesen, wo sie sich einen neuen Löffel anfertigen ließen. Dieser ist bekannt als Nürnberger Löffel. Zusammen mit dem Gästebuch verkaufte der spätere Riesenwirt im Jahr 1897 diesen damals an das historische Museum in Frankfurt. Dieser und die zugehörigen Löffelbücher sind aufwändig restauriert. Auch die Frankfurter haben den Wert erkannt. Mehrmals wurde versucht, den Löffel wieder nach Seligenstadt zurückzuholen. Ein Vers, der dieses Drama treffend beschreibt, wurde 1951 auf der Rückseite einer Fotografie des Löffels vermerkt, als dieser zumindest mal fotografiert werden durfte.

Wir bedauern, dass der Löffel von hier verschwunden

er hängt in Frankfurt im Leinwandhaus

Wir hätten so gern daraus getrunken

In Frankfurt, da trinkt kein Mensch daraus.

Der vierte Löffel ist der flache Löffel, aus dem es sich im Übrigen ganz schlecht trinken lässt. Das Füllvermögen ist nicht ganz so groß. Womöglich ist dieser aber noch viel älter als alle anderen. Der Ursprung ist unbekannt. Er wird als Willkommlöffel oder Wiener Löffel bezeichnet, da er 1921 aus dem Besitz von Erzherzog Franz Ferdinand (das ist der, der in Sarajewo ermordet wurde und die Tat als Auslöser des 1.Weltkriegs gilt) in das Volkskundemuseum in Wien gebracht wurde. Dieser Löffel ist viel gereist. Er war zuvor in Berlin in einer Galerie, wurde dort als „Löffel Karls des Großen zu Seligenstadt“ gelistet. 1938 wurde der Löffel dann in Wien dem Reichsfeldmarschall Hermann Göring gebracht, mit der Bitte, diesen doch dem Führer zu überreichen. Göring, selbst Kunstsammler und, wie wir heute wissen, Kunstdieb, behielt diesen dann doch lieber für sich selbst.

Erst auf Vermittlung einiger hochgestellter und einflussreicher Parteigenossen wurde der Löffel im Namen Hermann Görings im Jahr 1939 anlässlich des Geleitsfestes an die Stadt Seligenstadt überreicht.

Sicher nichts, auf das wir stolz sein können, mit so einem Namen in Verbindung gebracht zu werden. Zeigt es doch aber auch, welchen künstlerischen Wert und welche Einmaligkeit die Löffel hatten und heute noch haben.

Die Tradition des Löffeltrunks wieder aufleben zu lassen, oblag seit 1936 dem Heimatbund. 1989 hat sich aus dem Heimatbund heraus „Die Ordensbruderschaft vom Steyffen Löffel zu Seligenstadt“ gebildet, die sich der Förderung des Brauchtums und insbesondere der Pflege des Löffeltrunks und der Fortführung der Löffelbücher zur Aufgabe gemacht hat. Der Löffel wird im Rahmen des Geleits (alle 4 Jahre) auf dem Marktplatz ausgesuchten Personen gereicht, die zu Löffelrittern werden. Außerdem werden im jährlichen Turnus neue Mitglieder in die Ordensbruderschaft aufgenommen. Diese trinken einen Willkommenstrunk und werden dann zu Ordensdamen oder zu Ordensbrüdern.  Zur wichtigsten Frage: „Wird der Löffel immer vollgemacht?“ Dies bleibt das Geheimnis des Löffelwirts!

Quellen:

Dr.Josef Schopp          Seligenstädter Geleitswesen                  Hrsg Heimatbund

Dr. Ingrid Firner           die Seligenstädter Gästebücher             Hrsg. Ordensbruderschaft Vom Steyffen Löffel

Dr. Manfred Schopp    in verschiedenen Abhandlungen            Hrsg. Heimatbund Seligenstadt

Thomas Laube            der Festbücher zum Seligenstädter

Dr. Ingrid Firner           Geleit aus den Jahren 2007 und 2011  

 

 

2024 Zusammenfassung von Norbert Zabolitzki